Wer steckt hinter Angels Ambition?

Angels Ambition

Engel galten schon immer als Beschützer der Welt. In derselben Verantwortung sah sich Karin Schönbuchner, als sie 2016 das Modelabel Angels Ambition gründete. Ab diesem Moment setzte Karin sich zum Ziel, nicht mehr sinnlos Plastik zu verbreiten, kurze Lieferwege einzuhalten und nachhaltige zeitlose Mode fair in Deutschland herstellen zu lassen. Ein Gespräch über Multifunktionalität und Selbstständigkeit in der Modebranche. 

Ambitionen, Träume und viel Ehrgeiz. Wann entstand bei Ihnen die Ambition, unseren Planeten zu schützen und nachhaltige Mode zu verkaufen?

Ich war 2006 das erste Mal in Bangladesch. 2012 für einen Kunden im Zuge meiner Selbstständigkeit wieder und ich musste entsetzt feststellen, dass sich in sechs Jahren wirklich gar nichts verändert hat in diesem Land. Wenn sie sich die Bilder vom Rana Plaza vorstellen – genauso sehen die Produktionsstätten in Bangladesch aus. Es stehen Menschen mit Maschinengewehren vor der Tür. In der Näherei sitzen dann um die 200 Menschen in einem Nähsaal und alle Fenster sind mit Gittern versehen. Wie da jemand rauskommen soll, wenn es brennt, wissen sie nicht, weiß ich nicht. Das sind Dinge, die einem bewusst werden, wenn man drin steht. Leider kam es bei Auslandsreisen immer wieder mal vor, dass ich beobachten musste, wie Näherinnen körperlich angegriffen wurden. Wenn man aus der Näherei dann rausgeht, gibt es kaum befestigte Straßen. Die Kinder laufen auf Müllhalden herum und sammeln dort alles, was sie gebrauchen können. Als ich die Verhältnisse vor Ort gesehen habe, beschloss ich: Ich will es anders. Ich will es besser. Fairer. Sauberer. Und ich will überhaupt alles besser machen als die Textilindustrie das im Moment noch macht.

„Das sind Eindrücke, die man nie wieder vergisst.“ – Karin Schönbuchner (Angels Ambition)

Waren Sie noch in anderen Ländern, wo Sie Erfahrungen gesammelt haben?

Ja, wo soll ich da anfangen. (Lacht.) Ich habe meine Karriere kurz nach meiner Ausbildung als Bekleidungstechnikerin in Bulgarien begonnen. Nach Bulgarien bin ich dann nach Marokko abgerauscht, wo ich mehrere Jahre gewohnt habe, um nur ein paar Jahre später nach Tunesien zu ziehen und 1998 wieder nach Deutschland zu kommen. In Deutschland habe ich dann bei dem Modeunternehmen Marc Cain angefangen zu arbeiten, wodurch ich die Länder Ungarn, Slowenien, Kroatien, Italien und Tschechien geschäftlich bereisen konnte. Ich war viel im europäischen Raum unterwegs. Als ich bei MORE&MORE angefangen habe, erweitere sich das um Litauen, Türkei, China und Dubai. Ich weiß nicht, vielleicht habe ich ein Land vergessen, aber ich komme rum.

Für Ihre Arbeit sind sie viel umher gereist und haben dabei auch viel Erfahrung in der Bekleidungsindustrie gesammelt. Hat diese Berufserfahrung Ihnen bei der Gründung Ihres eigenen Labels geholfen? 

Selbstverständlich. Die ersten nachhaltigen Unternehmen, für die ich gearbeitet habe, waren Armedangels und Greenality. Danach folgten noch viele weitere Jahre als Passformoptimierer, Produktionsberater oder Qualitätsmanagerin. Wenn man sich täglich mit Passformen, Verarbeitung, Qualität und Lieferanten herumschlägt, dann ist man natürlich "mit allen Wassern gewaschen". Das ist sicherlich meine größte Stärke. Jedoch war ich nie Designerin. Ich war Schneidermeisterin, Bekleidungstechnikerin und Qualitätsmanagerin für verschiedene Unternehmen. Aber ich komme nicht aus dem Design. Das war meine größte Herausforderung. Ich musste mir mehr oder weniger alles selber beibringen.

Angels Ambition

Und warum haben sie sich dann entschieden, selbstständig zu werden und nicht einfach als Bekleidungstechnikerin für verschiedene Unternehmen weiterzumachen?

(Lacht.) Das lässt sich kurz erklären. 2008 ist mein Sohn geboren, ich bin dann von München nach Düsseldorf gezogen und habe mich umgesehen, wo ich in einer Festanstellung weitermachen kann. Mir wurde aber schlagartig klar, dass mit einem Kind ein zehn, zwölf Stunden Arbeitstag einfach nicht möglich ist. Da wird man auch dem Kind nicht gerecht. Außerdem hatte ich den Schritt zur Abteilungsleiterin bereits erreicht, daher wollte ich dieses Karrierelevel auch ungern wieder abgeben. Dadurch entstand die Idee, das Ganze auf selbstständiger Basis zu machen. Das ließ sich zu diesem Zeitpunkt einfach besser mit der Familie vereinbaren. 

Arbeiten Sie alleine hinter Angels Ambition oder steckt ein größeres Team hinter dem Modelabel?

Mein Mann kümmert sich um den Online-Shop. Den Rest der Produktion mache ich jedoch alleine. Ich erstelle den Entwurf, indem ich Ideen auf einem Mood Board sammle. Die Stoffe und Zutaten werden ebenfalls von mir einzeln ausgewählt. Natürlich kauft man auch manchmal ein Muster im Handel, das dann für den finalen Style als Vorlage dient- man wird ja immer beeinflusst, durch das, was man sieht. Die Schnittmacher und auch meine Näherei arbeiten nach meinen Anweisungen, wir stehen immer im engen Kontakt. An unseren Teilen ist nichts extern, das sind am Ende zu 1000 Prozent Angels Ambition Lieblingsteile- Made in Germany oder Österreich.

Angels Ambition

Wie achten Sie auf Nachhaltigkeit in den eigenen Produktionsstätten?

Wir versenden unsere Produkte niemals in Plastiktüten, sondern in Stoffsäckchen und gebrauchten Kartons. Der Transport in die Näherei wird oft von mir in meinem Plug-In Hybrid erledigt, auch hier sparen wir CO². Zu Hause haben wir einen großen Keller voller Kartons, die wir bei Zutaten Bestellungen erhalten. Die werden dann schön bei uns gesammelt und wiederverwertet. Wir kaufen nichts zu. Unsere Stoffe sind außerdem zu einem Großteil GOTS zertifiziert, sie bestehen also aus zertifiziert biologisch erzeugten Naturfasern. Mein Unternehmen selbst habe ich jedoch nicht zertifizieren lassen, da ich keine fünf Zwischenstationen habe (die potentiell „gefährlich sind“) , sondern lediglich zwei Nähereien, wo ich alle Produktionsschritte selbst unter Kontrolle habe. Die eine Näherei liegt in Braunau, direkt an der deutsch österreichischen Grenze. Die zweite liegt in Pfarrkirchen, 30 Minuten entfernt von Braunau. Ich bin dann oft drei bis vier Stunden unterwegs. Dennoch lohnt sich die Zeit und Mühe, weil mir der persönliche Kontakt zu meiner Näherei sehr wichtig ist. Außerdem kann ich nur durch den persönlichen Kontakt alle einzelnen Arbeitsschritte verfolgen und am Ende das Produkt so an Kunden liefern, wie ich es mir gewünscht habe. 

Wie kompensieren Sie den CO2-Fußabdruck Ihrer Produktion?

Einmal im Jahr begleiche ich unsere CO² Ausstoss- sowohl für die Firma als auch Privat . Meistens veröffentliche ich die Zertifikate auch auf unserer Homepage, damit unsere Kunden Einsicht darauf bekommen. Ich weiß, dass sich viele Unternehmen manchmal gegen  Transparenz entscheiden. Sie denken, dass die meisten Kunden kein Interesse daran haben, was hinter einem Produkt steckt. Ich denke, dass wir Transparenz brauchen, damit wir den Endkunden zeigen können: Ja, nachhaltige Mode ist teurer als konventionell hergestellte Kleidung, die tausende von Kilometern zurück gelegt hat. Aber das ist es, was es kosten muss, damit ich kostendeckend arbeite, damit der Stoffhersteller kostendeckend arbeitet, damit die Näherei kostendeckend arbeitet. Und dass in der Herstellungskette unserer Produkte alle zufrieden sind.

„Ich glaube, man muss den Kunden den Wert eines jeden Kleidungsstücks zeigen und ihnen sagen: So teuer wäre ein Kleidungsstück, wenn jeder, der dran beteiligt ist, in der Prozesskette das verdient, was er verdienen muss.“ – Karin Schönbuchner (Angels Ambition)

Woraus schöpfen Sie die Inspiration für ihre Mode?

Es inspiriert mich, wie es wahrscheinlich bei jedem Designer der Fall ist das tägliche Leben. Oder auf Stoffmessen- wenn ich einen Stoff schön finde, dann fang ich an, damit zu arbeiten. Für mich muss ein Kleidungsstück aber auch bequem sein, nur „gefällt mir“ reicht nicht für mich. Je älter man wird, desto bequemer muss Kleidung sein (lacht), weil man einfach nicht mehr die perfekte Größe 36 hat. Da fließen so viele Dinge mit ein. Gerade weil ich Design nur am Rande in der Ausbildung gelernt oder studiert habe, kommen Ideen im täglichen Leben zur mir, schon auch mal nachts. Und schaue mir manchmal auch Modeschauen an.

Was macht Ihr Design aus?

Meine Kollektionen sind alle multifunktional. Die Idee entstand daraus, dass ich Nachtwäsche kreieren wollte, die man auch tagsüber tragen kann, leider haben das Kunden nicht so ganz verstanden. Zum Beispiel sind Joggpants so gestaltet, dass sie auch zum Ausgehen funktionieren. Das heißt, die allermeisten Stücke sind immer Hybride. Es passt nicht nur zu einem Anlass, sondern lässt sich für mehre Gelegenheiten anziehen. So lässt sich die Jogging-Hose mit einem Blazer auch im Büro tragen. Das war der erste Gedanke für meine Kollektion.

Multifunktionale Nachtmode

Indem Sie sich ja für multifunktionale Mode entschieden haben, haben Sie sich auch gleichzeitig gegen kurzlebige Trends entschieden, stimmt das?

Ja, definitiv. Meine Kollektionen lassen sich immer auch untereinander kombinieren. Also die Kleidungsstücke aus dem Frühjahr Sommer 2022 sollen auch immer zu den Stücken aus dem Frühjahr Sommer 2019 passen. Die neue Hose passt dann zum Beispiel zu einem Shirt von einer älteren Kollektion, weil es der gleiche Stoff ist, oder weil die Farben einfach harmonieren. Alle Teile passen zueinander. Das ist auch der beste Anspruch an einen selbst wenn man seinen Konsum zurückschrauben möchte und nicht immer wieder Neues kaufen will. Bei uns im Shop bleiben auch alle Produkte, bis sie restlos ausverkauft sind. Bis dahin reduziere ich nur die wenigsten Kleidungsstücke, weil ich denke, dass dieser Sale-Wahnsinn dem Stück seinen Wert nimmt. Wie soll ich dem Kunden erklären, dass ein Kleidungsstück eigentlich das kosten müsste und gleichzeitig reduziere ich es um die Hälfte? Das passt meines Erachtens nicht zusammen.  

Geht Multifunktionalität dann mit Minimalismus Hand in Hand oder können auch Statement Pieces multifunktional sein?  

Multifunktionalität lässt sich nicht in Farben oder Minimalismus begrenzen. Es ist viel mehr eine Sache der Kombination. Ein Kleid steht zum Beispiel für sich. Sie werden jetzt wahrscheinlich nicht ein Oberteil oder eine Hose über und unter das Kleid ziehen. Deswegen sind Kleider bei uns im Shop auch eher die auffälligeren Stücke. Wir haben zum Beispiel ein gelbes Kleid online, das auffällt, aber gleichzeitig von beiden Seiten getragen werden kann. Dadurch kann man sich entscheiden: Möchte man heute die Knöpfe vorne tragen oder bevorzugt man doch lieber die schlichte Seite. Das ist für mich multifunktional.

Was halten Sie von einen bewussten Konsum von Kleidung und dem Nutzen von rein nachhaltigen Materialien?

Erst wenn man bewusst konsumiert, kann sich in der Modewelt etwas ändern und der Schutz der Umwelt muss uns alle interessieren. Das sind wir nachfolgenden Generationen schuldig. Jedoch glaube ich, dass man Dinge nie ins Extreme ziehen sollte. Deswegen habe ich mir in Sachen Materialien mittlerweile auch mehr erlaubt. Viele Menschen halten den Stoff Tencel zum Beispiel für etwas Schlimmes, da bei der Herstellung chemische Prozesse verwendet werden. Ich denke aber, es macht einen Unterschied, ob ich Tencel aus China kaufe, weil ein Stoff billig sein muss oder ob ich mit dem Tencel von Lenzing aus Österreich arbeite, welcher mit einem „Closed Loup“ Verfahren arbeitet, also ein Unternehmen, das sich in diesem Bereich extrem anstrengt, die Umwelt so wenig wie möglich zu belasten, mit dem was sie tun.

Wir arbeiten daran, so wenig Elasthan wie möglich in den Umlauf zu bringen. Ein Gummibund aus „Plastik" ist nicht nur essenziell für den Halt einer Hose, er lässt sich theoretisch leicht wegschneiden, da er nicht im Stoff verstrickt ist. Wenn ich also die Nähte der Hose abschneide und der Gummi entfernt ist, dann können sie die Kleidung kompostieren. Und ich glaube, das ist für mich das Stück Nachhaltigkeit, wo man einfach nicht schwarz-weiß denken kann, sondern einen Mittelweg finden muss. 

„Plastik wird immer Plastik bleiben.“ – Karin Schönbuchner (Angels Ambition)

Das Label Angels Ambition basiert auf dem Grundgedanken, Mode multifunktional und zeitlos zu gestalten. Damit soll der Bedarf an neuen Kleidungsstücken reduziert und zu einem bewussten Konsum von Mode angeregt werden. Auch die neue Kollektion für den Herbst wird bewusst erst Anfang Oktober online gehen, da die Marke gerne nach Bedarf arbeiten möchte.


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