Wer steckt hinter AKYA Berlin?

(Johanna Kempter, Gründerin von AKYA Berlin)

2015 begann Johanna Kempter ein Praktikum bei einem Startup, das soziale Unternehmen bei ihrer Gründung fördert. Dort kam sie mit einer Galerie in Indien in Berührung, die aus gesammeltem Müll neue Einrichtungsgegenstände erstellt hat. Seitdem war Johanna von der Idee des Upcyclings überzeugt und gründete 2017 ihr eigenes Modelabel AKYA Berlin, in der sie alten Stoffen neues Leben einhaucht. Ein Gespräch über upgecycelte Saris und den Wert der Mode. 

Hallo Johanna, Ihr Modelabel AKYA BERLIN ist dafür bekannt, aus alten Stoffen neuwertige Produkte zu schaffen. Ein Stoff fällt durch seine Muster und Farben besonders auf: der Sari. Was sind Saris und wie sehen sie aus? 

Saris sind traditionelle Gewänder für Frauen in Südostasien. Sie bestehen aus einem 5-9 Meter langen Tuch, den man sich um den Körper wickelt. Die unterschiedlichen Farben und Muster machen jedes Stück einzigartig. Für mich erzählt auch jedes Stück Stoff seine eigene Geschichte. Allgemein wird der Sari besonders von der älteren Generation in Indien getragen und danach an die nächsten Generationen weitergegeben.

Warum arbeiten Sie genau mit diesem Stoff?

Während meiner Reise in Indien entdeckte ich an einer Straßenecke einen kleinen Shop, der alte Saris als Putzlappen verkauft hat. Ich fand es schon immer viel zu schade, dass dieser schöne Stoff als Putzlappen endet. Daher habe ich mir selbst ein paar Saris mit nach Hause genommen und mit einem befreundeten Schuhmacher daraus upgecycelte Beutel erstellt. Wir stoßen auf eine große Nachfrage, daher kam die Idee auf, aus alten Saris auch Modestücke zu entwerfen. Als ich dann 2017 erneut für längere Zeit nach Indien reiste, entschied ich mich dort meinen Traum eines eigenen Modelabels zu verfolgen.

Saris

(Bild eines Saris)

Woher beziehen Sie ihre Saris?

Es gibt in Indien Menschen, die von Beruf aus von Haustür zu Haustür gehen und die lokalen Bewohner fragen, ob sie Saris besitzen, die sie nicht mehr benötigen. Diese gebrauchten Saris werden dann gegen Haushaltsgegenstände oder kleines Geld eingetauscht, ähnlich wie in einem Flohmarkt. Es gibt aber auch ein paar Second Hand Märkte in den größeren Städten, wo ich ebenfalls meine Saris beziehe. So bleibt der Zyklus der Mode bestehen, ohne dass ich neues Stoffe kaufen muss.

Ihr Label hat auch einen sehr außergewöhnlichen Namen: AKYA Berlin. Was steht denn hinter diesem Namen?

(Lacht.) Das ist eine witzige Geschichte. Ich saß damals mit meiner Freundin im Garten und zeigte ihr den Beutel, den ich aus alten Saris gemacht hatte. Während wir in Gedanken schweiften, überlegten wir uns einen Namen für ein Label. Meine Freundin brachte die Idee ein, dass wir uns von Sanskrit, die alte indische Sprache inspirieren könnten. Für mich war es immer wichtig, dass Mensch und Natur im Einklang leben. Daher stoß ich auf das indische Wort AIKYA, was übersetzt Einheit bedeutet. Auch mein Logo ist von einer Spirale inspiriert, die den ewigen Kreislauf der Mode symbolisieren soll. Wir leben in einer globalisierten Welt und beziehen unsere Produkte von überall. Mir ist es wichtig, dass wir trotzdem immer den Ursprung und die Geschichte hinter einem Produkt kennen. Leider konnte man AIKYA nicht Tademarken, daher habe ich einfach den Namen etwas abgewandelt und daraus entstand der Name AKYA.

Neben nachhaltiger Mode konzentriert sich Ihre Marke auch auf Female Empowerment, übersetzt der Prozess der Frauenförderung. Welche Projekte unterstützen sie und warum sehen sie dieses Thema als so relevant in der heutigen Gesellschaft?

Ich denke, wir brauchen mehr Möglichkeiten als Frauen. Daher kooperiere ich auch mit zwei Unternehmen. Eines davon ist Saheli Woman, das ist ein wunderschönes Projekt in der Wüste von Rajasthan, in einem sehr abgelegenen Dorf, wo es auch keine Elektrizität gibt. Dort hatte ich vor drei Jahren Madhu kennengelernt, die ein Projekt leitet, bei denen Frauen das Schneidern beigebracht wird, damit sie ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen können. Gerade für Frauen, deren Ehemänner gestorben sind, bietet dieses Projekt eine enorme Hilfe, da ihnen das Einkommen fehlt, um ihre Kinder zu versorgen. Mittlerweile hat sich daraus eine kleine Community mit über 25 Frauen entwickelt. Das andere Projekt ist von meiner Freundin und Produzentin Viji Joy. Sie hat ihr eigenes Modelabel „ThatToughArt“ und betreibt seit einigen Jahren Workshops auf ihrer eigenen Terrasse, wo sie Frauen das Nähen beibringt. Damit schafft sie gleichzeitig Safe Spaces, also Räume, in denen sich Schutzbedürftigen Frauen über ihre Probleme im Alltag austauschen können. 

„Ich finde es super wichtig, dass es diese Orte gibt, in denen man Anschluss findet und selbst auch in seinen Aufgaben wachsen kann.“ – Johanna Kempter (AKYA Berlin)

Produktion

(Bilder des Workshops & der Produktionsstätte)

Wie haben sie die Partnerinnen Viji Joy und Madhu kennengelernt?

Im Zuge meines Praktikums und einigen Reisen danach habe ich insgesamt über 2 Jahre in Indien gelebt und gearbeitet, und zeitweise bei einem Freund gewohnt. Durch ihn habe ich meine Produktionspartnerin Viji Joy durch die Bekanntschaft des Freundes kennengelernt. Seitdem ist sie nicht nur meine Kooperationspartnerin, sondern auch eine enge Freundin. Saheli Woman habe ich tatsächlich über Instagram kennengelernt. Daher sage ich auch immer, dass die sozialen Medien eine große Möglichkeit bieten, mit Menschen über große Distanzen in Austausch zu kommen.

Soziale Medien bieten auch immer eine Plattform für Werbung. Als nachhaltiges Unternehmen muss man ständig abwiegen, ob man Werbung schaltet und seine Reichweite damit steigert oder aber den Konsum zurückschraubt, indem man weniger Werbung schaltet. Wo ziehen Sie die Grenze?

Das ist ein wichtiges Thema. Klar ist Werbung total berechtigt, da man die eigenen Produkte ja auch umsetzen und verkaufen muss, jedoch lehne ich Werbung so weit wie möglich ab. Werbung bedient sich in meinen Augen immer an manipulativen Strategien und verkauft ein vorgetäuschtes Lebensgefühl. Werbung erzählt dagegen nicht, welche Geschichte hinter einem Produkt steckt. Daher lasse ich meine Produzenten und meine Käufer die Geschichte hinter ihrem Produkt selbst erzählen. Das ist die Art von „Werbung“, die einen emotionalen Bezug zum Produkt schafft, da man mit den Produzenten in direkten Kontakt tritt.

„So verbreitet sich die Geschichte durch die Menschen selbst als Medium, und nicht ein blosses Lebensgefühl oder eine Illusion.“ – Johanna Kempter (AKYA Berlin)

Fashion

(Bilder der upgecycelten Produkte aus Saris)

Ihre Philosophie ist eine zirkuläre Wirtschaft. Sie setzen sich also bewusst gegen eine gewinnorientierte Wirtschaft ein. Welche Schritte verfolgen sie für dieses Ziel?

Gewinnorientiert ist man ein Stück weit immer. Wir haben ein kleines Unternehmen, woraus ich gerade meine Praktikantin, meine Produzentin und mich tragen kann. Jedoch hört es an einem gewissen Punkt auf. Ab einem bestimmten Gewinn, den man hat, kann man das Erreichte auch weitergeben, statt sich weiterhin nur selbst zu bereichern. Das kann in Form von Spenden sein aber auch in der Unterstützung von Hilfsorganisationen. Intern achte ich zum Beispiel immer darauf, dass jeder Beteiligte mit seiner Arbeit und dem finanziellen Umsatz zufrieden ist. Die Arbeit sollte in meinen Augen nie hierarchisch, sondern auf Augenhöhe stattfinden, auf einer Basis, wo alle Beteiligten Mitsprache und Entscheidungsmacht besitzen. 

Wenn man miteinander emphatisch kommuniziert und man gemeinsam versucht Machtstrukturen aufzulösen, die sich global, sowie intern in Unternehmen normalerweise replizieren, ist man auf einem guten Weg eine Art von Zusammenarbeit zu erreichen mit der alle Beteiligten zufrieden sind. Das sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein, jedoch basieren viele Unternehmen eben gerade wegen dieser enormen Gewinnorientierung und Bereicherung eben noch auf postkolonialen und kapitalistischen Strukturen, welche es gilt aufzulösen.

Sind deine Produkte deshalb auch limitiert?

Ja, wir produzieren bisher nur Einzelstücke, weil wir aus einem Stoff immer nur ein oder zwei neue Produkte upcyceln. Dadurch wird jedes Stück zum Unikat. Wir wollen den Menschen mit diesen Einzelstücken den Wert ihrer Kleidung näher bringen und hoffen auch, dass in dieser Hinsicht ein bewussterer Konsum von Mode erzielt wird.

„Es ist wichtig, dass die Menschen den Wert kennen, den ihr Kleidungsstück hat.“ – Johanna Kempter (AKYA Berlin)

Gibt es auch Kunden, die ein Lieblingsstück finden, welches dann aber schon an jemanden anderen verkauft wurde?

Ja das gibt es so oft. (Lacht.) Manchmal kommen die Menschen zurück, weil sie sich in ein Stück verliebt haben und sind dann traurig, wenn ihr Lieblingsstück schon verkauft wurde. Gerade weil die Einzelstücke keine Massenware sind, behandelt man sie auch anders. Man baut eine Bindung zu seinem Kleidungsstück auf, weil man weiß, das ist etwas was nur ich habe und niemand sonst. Da wird es auch keinen auf der Straße geben, der dieselbe Jacke trägt.

Upcycling Fashion

(Vorschau auf die neue Kollektion - T-Shirts aus Bio - Baumwolle und Pullover aus Denim Überproduktion)

Jedes Stück ist einzigartig. Was würden Sie sagen, inspiriert sie bei Ihren Designs?

Da habe ich mir erst vor kurzem auch Gedanken gemacht. Ich glaube, Inspiration kommt von überall, von jeder Konversation, die man führt, von jedem Menschen, dem man begegnet, von Reisen und natürlich auch von meiner Heimatstadt Berlin. Für mich ist Inspiration auch immer mit einem Feeling verbunden. Wenn ich einen Stoff und ein Muster habe, die mir gefallen, dann möchte ich damit arbeiten. 

„Inspiration kommt wirklich von allen Ecken und hat auch immer mit Eindrücken zu tun, die man im Leben macht.“ – Johanna Kempter (AKYA Berlin)

Deine Muster sind oft sehr auffällig und individuell. Was halten Sie dann von Minimalismus? 

Minimalismus finde ich auf jeden Fall super. Denn Minimalismus gehört in Stück weit dazu, damit Mode zeitlos bleibt. Aber ich finde auch, dass Mode praktisch sein muss, um langlebig zu sein. Mode muss ihre Funktion erfüllen. Viele Produkte, die schnelllebig sind, erfüllen oft nicht ihren Zweck, den sie eigentlich haben sollten und landen dann schnell in den Müll. Daher arbeiten wir vor allem mit praktischen Kleidungen, zum Beispiel verkaufen wir viele reversible Kleidungsstücke, die man umdrehen und auf zwei verschiedenen Seiten tragen kann. Dadurch braucht man auch weniger Kleidungsstücke. 

In Zeiten von schnellen Trends spielt Upcycling eine entscheidende Rolle. Sie sind ja die Expertin darin, weil sie aus alten Saris neue Stoffe herstellen. Wie genau funktioniert das Upcycling?

Beim Upcycling wird aus einem alten Material etwas Neues gemacht und damit eine Wertsteigerung erreicht. Also man greift bei Produkten ein, die am Ende ihres Lebenszyklus angelangt sind und haucht ihnen neues Leben ein. Das Gegenteil von Recycling, bei dem das Ausgangsmaterial lediglich rekonstruiert wird, und dadurch – wie zum Beispiel beim recyceln von Polyester - wieder chemische Komponenten benötigt werden, um den Stoff runterzubrechen. Ich finde wir haben genug Kleidungsstücke für mindestens die kommenden hundert Jahre, da brauchen wir gar nicht mehr so viele neue Sachen - wenn wir kreativ sind können wir aus dem schon existierenden wunderschöne Dinge erschaffen. 

Bleibt dann beim Upcycling überhaupt noch Abfall übrig?

Wir versuchen immer alles zu benutzen, aber auch wir stoßen an unsere Grenzen, wenn Stoffe bereits große Löcher und Flecken haben, die erst einmal rausgeschnitten werden müssen. Wir sind also nicht komplett wasteless, weil immer ein gewisser Zuschnitt übrig bleibt, aber wir versuchen aus den Resten zumindest kleinere Produkte zu machen. Aus den übrigen Saris nähen wir zum Beispiel Haarbänder und Kosmetiktaschen und aus den Baumwollresten erstellen wir Visitenkarten. Zu jeder unserer Jacke bekommen unsere Kunden auch eine Tasche aus dem selben Material dazu, weil wir den Menschen die Möglichkeit bieten wollten, ihre Jacke bei Schäden selbst zu reparieren.

AKYA Berlin nutzt als nachhaltiges Modelabel die Techniken des Upcyclings, um den Müll auf unseren Deponien zu verringern. Mehr dazu könnt ihr in unserem Blog Beitrag „Von Alt zu Neu: Upcycling“ lesen. Johanna Kempter verrät uns dort ihre Tricks, wie sie die Qualität beim Upcycling steigert und was sie von der Kritik zu Upcycling hält. Im Herbst dieses Jahres steht auch eine neue Kollektion von AKYA Berlin an. Dieses Mal hat sich das Modelabel an den Resten der Jeansüberproduktion bedient und daraus neue Pullover, T-Shirt Kleider und vieles mehr entwickelt. Lasst euch überraschen, wie vielfältig alte Jeans upgecycelt werden kann!